Kintsugi und Endometriose – zerbrochen und dennoch heil

Es gibt Zeiten, in denen muss ich häufiger daran denken, wie schrecklich es sich anfühlt, dass ich so viele Jahre lang so extreme Schmerzen hatte und damit von allen Ärzten so völlig allein gelassen wurde. So verzweifelt zu sein, so dringend Hilfe zu brauchen, und doch immer wieder nicht ernst genommen zu werden. Eine wirklich tiefgreifende, existenzielle Erfahrung, die ich niemandem wünsche. Die Endometriose und wie die Ärzte damit umgegangen sind, hat mich traumatisiert. Und ja, ich wähle diesen Begriff sehr bewusst.

Vor einiger Zeit habe ich dann ein sehr interessantes Interview mit Deborah Feldman im Courage Magazin gelesen. Sie wuchs in einer extrem strengen ultraorthodoxen jüdischen Gemeinde in New York auf, von der sie sich später lossagte (die Geschichte läuft als „Unorthodox“ auf Netflix). Aufgezogen wurde sie von ihrer Großmutter, einer Holocaust-Überlebenden. Deborah hat also einige Erfahrungen mit Traumata gemacht. In dem Interview sagt sie:

„Meine Theorie ist, dass man eigentlich nie zu der Person wird, die man hätte werden können, wenn man das Trauma nicht erlebt hätte. Ich vergleiche das gern mit der japanischen Tradition, Risse in zerbrochenen Gegenständen mit Gold zu reparieren. Die Narben werden immer sichtbar bleiben, aber sie sind Teil einer neuen Schönheit. Man muss kreativ werden, um wieder komplett zu werden.“

Diese Technik heißt Kintsugi. Sie hat sich aus dem Zen-Buddhismus entwickelt und bringt eine Wertschätzung des Unperfekten zum Ausdruck. Für mich passt dieses Bild auch gut zur Endometriose: Sie hat mich in Scherben zerbrochen, und ich habe mich selbst wieder zusammengesetzt – und das mehr als einmal. Ich werde nie wieder so sein, wie ich vor der Krankheit war. Ich werde immer Narben haben, mehr oder weniger große körperliche Einschränkungen (im Moment zum Glück weniger) und mit den traumatischen Erfahrungen leben müssen. Aber ich habe auch gelernt, dass ich viel stärker bin, als ich dachte. Dass ich sehr mutig bin. Dass ich für mich selbst einstehen und kämpfen kann. Ich bin komplett – auf meine Art und Weise.